Günnis Gartengeschichten
Günni und der Nistkasten vom Stadtfest
Ein kleiner Fund auf dem Stadtfest, eine Idee im Kopf – und ein Besuch bei Horst, bei dem aus „Kann man bestimmt nachbauen“ ziemlich schnell ein neues Projekt wird.
Eigentlich wollte Günni nur mal schauen
Eigentlich hatte Günni auf dem Stadtfest überhaupt nichts Bestimmtes gesucht.
Ein bisschen schauen. Ein bisschen erzählen. Hier stehen bleiben, dort einen Blick riskieren – und irgendwann wieder nach Hause.
So zumindest der Plan.
Dann entdeckte er zwischen all den Ständen einen kleinen hölzernen Nistkasten.
Günni blieb stehen.
Er nahm den Kasten vorsichtig in die Hände, betrachtete das Einflugloch, strich über das Dach und drehte ihn einmal herum.
Dann noch einmal.
„Das kann Horst bestimmt auch bauen.“
Damit war der gemütliche Stadtfestbesuch im Grunde beendet.
Denn Gedanken haben bei Günni gelegentlich die unangenehme Eigenschaft, sich sehr schnell in Projekte zu verwandeln.
Eine Idee für Horst
„Horst, ich hätte da eine Idee.“
Wenig später stand Günni in Horsts Werkstatt.
Nicht mit dem Nistkasten.
Aber mit einer Skizze.
Horst nahm das Blatt entgegen und betrachtete es eine ganze Weile.
Er schaute auf die Vorderseite. Dann auf die Seitenansicht. Dann wieder auf Günni.
Günni wartete geduldig.
Zumindest für seine Verhältnisse.
„Kann man machen“, sagte Horst schließlich. „Aber wenn wir schon einen bauen, dann bauen wir ihn vernünftig.“
Günni grinste. Genau genommen hatte er mit keiner anderen Antwort gerechnet.
Horst legte die Zeichnung auf die Werkbank, holte seinen Zollstock hervor und begann zu messen und zu rechnen.
Aus Günnis einfachem „So ungefähr müsste der aussehen“ wurde innerhalb weniger Minuten ein richtiger Plan.
Das Holz sollte trocken und unbehandelt sein. Der Kasten brauchte einen vernünftigen Dachüberstand, eine Möglichkeit zur Reinigung und natürlich ein passendes Einflugloch.
Eine Sitzstange?
Horst schüttelte den Kopf.
„Brauchen die Vögel nicht.“
Günni blickte noch einmal auf seine Zeichnung.
Der erste Strich wurde gestrichen.
Horst legt los
Wenn Horst „vernünftig“ sagt
Dann begann Horst, Holz auf der Werkbank zusammenzustellen.
Massivholz. Achtzehn Millimeter stark.
Günni stand daneben und beobachtete, wie aus einzelnen Brettern langsam die Teile eines Nistkastens wurden.
Messen. Anzeichnen. Noch einmal messen. Sägen. Vorbohren.
Und zwischendurch immer wieder dieser prüfende Blick von Horst, bei dem Günni inzwischen wusste:
Jetzt besser nichts anfassen.
Das 32-Millimeter-Einflugloch bekam seinen genau berechneten Platz. In den Boden kamen kleine Öffnungen, damit Feuchtigkeit ablaufen konnte. Die Front sollte sich später öffnen lassen, damit der Kasten nach der Brutzeit gereinigt werden konnte.
Günni betrachtete die vielen Maße auf Horsts Zeichnung.
„Du weißt aber schon, dass ich eigentlich nur einen Nistkasten wollte?“
Horst sah nicht einmal von der Werkbank auf.
„Eben.“
Günni nickte.
Das erklärte natürlich alles.
Von der Idee zum Plan
Aus einer Skizze wird ein Bauplan
Je länger Horst arbeitete, desto weniger ähnelte das Blatt auf der Werkbank Günnis ursprünglicher Skizze.
Maße kamen hinzu. Ansichten. Kontrollmaße. Materialangaben.
Irgendwann lag dort nicht mehr nur eine Idee.
Dort lag ein richtiger Bauplan.
Und weil Günni fand, dass es schade wäre, wenn so ein Plan anschließend einfach zwischen Horsts Werkzeugen verschwinden würde, gibt es ihn nun auch zum Ausdrucken.
Der vollständige Bauplan enthält die Vorder-, Seiten- und Bodenansicht, alle wichtigen Maße, Material und Werkzeug, die Zuschnittliste sowie die komplette Montage.
Wer also selbst einen Meisen-Nistkasten nach Horsts Vorbild bauen möchte, muss nicht versuchen, Günnis ursprüngliche Skizze zu entziffern.
Was vermutlich für alle Beteiligten die bessere Lösung ist.
Fast geschafft
Langsam sieht es nach einem Nistkasten aus
Auf der Werkbank lagen inzwischen keine einzelnen Bretter mehr.
Die Rückwand saß zwischen den Seitenwänden. Der Boden war eingesetzt. Die Front ließ sich öffnen und wieder sicher verschließen.
Zum Schluss kam das Dach.
Horst setzte die letzten Schrauben, kontrollierte noch einmal die Kanten und strich mit der Hand über das Holz.
Günni trat einen Schritt näher.
Jetzt war deutlich zu erkennen, was hier entstanden war.
Ein richtiger Nistkasten.
Ohne Schnickschnack. Ohne Sitzstange.
Dafür mit allem, was seine späteren Bewohner tatsächlich brauchten.
Günni betrachtete das Werk von allen Seiten.
Dann sah er zu Horst.
„Der ist besser als der vom Stadtfest.“
Horst sagte nichts.
Aber dieses kleine Lächeln konnte Günni trotzdem sehen.
Die Übergabe
„So. Jetzt fehlt nur noch jemand, der einzieht.“
Horst nahm den fertigen Nistkasten noch einmal in die Hände.
Er prüfte das Dach. Die Front. Die Schrauben.
Dann reichte er ihn Günni.
Günni nahm den Kasten vorsichtig entgegen und betrachtete ihn.
Er war stabil. Er war sauber gebaut.
Und er war tatsächlich noch schöner als der Kasten, mit dem die ganze Sache auf dem Stadtfest angefangen hatte.
Was Günni natürlich sofort noch einmal erwähnte.
Horst wischte ein paar Sägespäne von seiner grünen Latzhose.
„Ein Vogelhaus ist es übrigens nicht“, sagte er. „Das hier ist ein Nistkasten.“
Günni nickte ernst.
„Nistkasten.“
Kurze Pause.
Dann schaute er auf den Kasten.
Anschließend aus dem Werkstattfenster in Richtung seines Gartens.
Eigentlich war das Projekt damit abgeschlossen.
Eigentlich.