Günnis Gartengeschichten
Günni und die geheimnisvolle Saatgutkiste
Eine alte Kiste, ein vergessenes Samentütchen – und plötzlich ziemlich viele Fragen.
Eigentlich wollte Günni an diesem Sonntag gar nichts mehr im Garten machen. Draußen war es grau, die Pflanzen noch nass und selbst Günni fand, dass es Tage gibt, an denen eine Tasse Kaffee in der Laube völlig ausreicht.
Eigentlich.
Denn wer Günni kennt, weiß: Zwischen „Ich mache heute nichts mehr“ und „Ich schaue nur mal eben nach“ liegt manchmal nur eine einzige alte Holzkiste.
Und genau so eine stand da.
Die Entdeckung
„Für nächstes Jahr“
Die Kiste kannte Günni natürlich. Sie stand schließlich schon lange in seiner Laube.
Darin befanden sich Bindfaden, eine Gartenschere, alte Tütchen und allerlei kleine Dinge, bei denen Günni irgendwann einmal beschlossen hatte, dass man sie bestimmt noch gebrauchen könne.
Wann genau dieses „irgendwann“ sein sollte, war allerdings eine andere Frage.
Günni nahm ein paar Sachen heraus, schob anderes zur Seite – und entdeckte schließlich ein kleines, etwas vergilbtes Samentütchen.
Darauf standen handgeschrieben nur drei Worte:
„Für nächstes Jahr.“
Günni drehte das Tütchen in seinen Händen und betrachtete es von allen Seiten.
Das war zweifellos eine ausgezeichnete Information.
Es gab nur ein kleines Problem.
Welches nächste Jahr?
Eine Jahreszahl stand nicht darauf. Auch kein Hinweis darauf, wann Günni das Tütchen dort hineingelegt hatte.
Und je länger er darüber nachdachte, desto weniger sicher war er sich überhaupt, ob er selbst es gewesen war.
Wegwerfen kam natürlich nicht infrage. Schließlich könnten die Samen noch keimen. Vielleicht. Vermutlich. Unter Umständen.
Und genau diese drei Möglichkeiten reichen bei Günni vollkommen aus, um aus einer kleinen Entdeckung eine größere Angelegenheit zu machen.
Also legte er das Tütchen auf den Tisch.
Nur dieses eine.
Zumindest war das der Plan.
Am nächsten Morgen
Am Montag war der Tisch plötzlich zu klein
Natürlich hatte Günni die Sache über Nacht nicht vergessen.
Im Gegenteil.
Wenn in dieser einen Kiste noch ein altes Samentütchen lag – was befand sich dann eigentlich in den anderen Schachteln, Umschlägen und Dosen, die sich über die Jahre in der Laube angesammelt hatten?
Also begann Günni zu suchen.
Er fand Samentütchen. Kleine Briefumschläge. Beschriftete und unbeschriftete Döschen.
Manche ordentlich verschlossen, andere etwas zerknittert und einige so alt, dass selbst Günni ihnen ansah, dass sie schon bessere Zeiten erlebt hatten.
Zunächst legte er alles auf den Tisch.
Dann war der Tisch voll.
Und Günni war noch lange nicht fertig.
Wenn auf dem Tisch kein Platz mehr ist, muss ein Gärtner eben auf dem Boden weiterarbeiten.
Also kniete Günni schließlich zwischen all seinen Fundstücken auf dem Boden. Vor ihm lagen Tütchen, Umschläge und kleine Behälter, während oben auf dem Tisch noch immer die alte Kiste und natürlich sein Kaffeebecher standen.
Was als neugieriger Blick in eine alte Holzkiste begonnen hatte, war inzwischen zu einer erstaunlich umfangreichen Saatgutsammlung geworden.
Die Bestandsaufnahme
Plötzlich war Saatgut überall
Je genauer Günni hinsah, desto mehr fand er. Aus ein paar alten Tütchen wurde eine Sammlung, aus der Sammlung eine Sortieraktion – und aus der Sortieraktion langsam die Erkenntnis, dass hier vermutlich mehr als nur ein Gartenjahr auf dem Tisch lag.
Nur eine Frage wurde mit jedem Fundstück größer.
Die entscheidende Frage
Und was ist, wenn das alles noch keimt?
Während Günni versuchte, ein wenig Ordnung in seine Fundstücke zu bringen, kam ihm plötzlich ein Gedanke.
Ein Gedanke, der die Sache nicht unbedingt einfacher machte.
Was ist eigentlich, wenn das alles noch keimt?
Günni schaute auf die vielen Tütchen vor sich.
Dann dachte er an seine Beete.
Dann an sein Gewächshaus.
Und anschließend noch einmal an die Tütchen.
Natürlich war überhaupt nicht gesagt, dass aus jedem einzelnen Samen noch eine Pflanze entstehen würde.
Aber sie könnte.
Und wenn Günni eines nur schwer kann, dann ist es, eine Pflanze wegzuwerfen, die beschlossen hat zu wachsen.
Und nun?
Eine Frage für Frida
Die entscheidende Frage war inzwischen also gar nicht mehr, wie viele alte Samen Günni gefunden hatte.
Viel interessanter war, ob sie überhaupt noch keimfähig waren.
Und vielleicht wäre es ganz hilfreich, das herauszufinden, bevor Günni vorsorglich schon einmal über ein zweites Gewächshaus nachdenkt.
Zum Glück kennt Günni jemanden, der bei solchen Fragen meistens ziemlich genau weiß, was zu tun ist.
Frida schlug eine Keimprobe vor. Nicht kompliziert, nicht geheimnisvoll – einfach ein paar Samen auswählen, feucht halten und beobachten.
Günni fand den Plan ausgezeichnet.
Schließlich musste er dann nur noch herausfinden, ob etwas keimte.
Was danach passieren würde, darüber konnte man sich später Gedanken machen.
Zumindest war das wieder einmal der Plan.
Die Keimprobe
Mehr Leben als Platz
Einige Tage später war aus der Frage, ob die alten Samen überhaupt noch keimen würden, längst eine ganz andere geworden.
Denn sie keimten.
Nicht alle. Aber deutlich mehr, als Günni erwartet hatte.
Tomaten, Salat, Zucchini, Ringelblumen und Kapuzinerkresse standen plötzlich in kleinen Schalen vor ihm. Frida betrachtete die jungen Pflänzchen zufrieden, während Günni langsam begann nachzurechnen.
Fensterbank? Voll.
Gewächshaus? Eigentlich verplant.
Beete? Auch nicht gerade leer.
Günni sah zu Frida.
„Und wo soll das jetzt alles hin?“
Frida musste ein wenig lächeln. Schließlich war genau das eines dieser Gartenprobleme, über die man sich eigentlich freuen konnte.
Nur Günni dachte inzwischen schon einen Schritt weiter.
Vielleicht brauchte er im nächsten Frühjahr einfach etwas mehr Platz für die Anzucht.
Zum Beispiel ein Frühbeet.
Aber dafür kannte Günni ja glücklicherweise jemanden, der gern Dinge baut. 😏